Die Visualisierung des Feindes. Über metaphorische Technologien der frühen Bakteriologie – Philipp Sarasin

Ein wesentlicher Faktor, der zum Erfolg der Bakteriologie Ende des 19. und Anfang des 20. Jhdt.s beigetragen hat, sind die neuen Methoden der Visualisierung von Mikroben. Der Historiker Philipp Sarasin untersucht diese technischen Visualisierungsmethoden im Verbund mit den sprachlichen Methoden, die die Forschung und ihre Ergebnisse ausdrückbar und verständlich machen. Die Fortschritte, die der Pathologe Rudolf Virchow 1847 durch die mikroskopische Sichtbarmachung von Zellen gegen die immer noch vertretene Humoralpathologie macht, werden von Robert Koch und seinen Kollegen bald überholt. Virchow klagt darüber, dass Koch „Tarnkappen“ über die Zellen ausbreitet, indem er sich Einfärbungsmethoden bedient, die eben die Mikroben sichtbar machen sollen und die Zellen selbst als unerwünschte Störbilder ausblendet. Seit 1973 arbeitet Koch als Landarzt in Polen bereits mit neuen Methoden an Milzbrandbakterien. Er legt Bakterienkulturen auf transparentem Nährboden (Gelatine) an, infiziert mehrere Mäusegenerationen, nutzt neuartige photographische Verfahren und Anilinfarbstoffe. Sarasin stellt heraus, dass wissenschaftliches Wissen von den Technologien, die es produzieren nicht abzulösen ist. So sehen Zellularpathologen unter ihren Miroskopen tatsächlich etwas anderes als Bakteriologen. Die Sichtbarmachung verläuft allerdings nicht nur auf technischem, sondern auch auf sprachlichem Wege, es besteht eine Ähnlichkeit zwischen den neuen Methoden der Technologie und den Metaphern, mit denen die Forschungsprozesse und -ergebnisse verstanden und kommuniziert werden.Worte sind also ein wesentliches Instrument zur Visualisierung des Unsichtbaren. Sarasin geht soweit, die Metaphern als vierte Evidenz für Koch neben Tierversuch, Reinzüchtung und der photographischen Abbildung herauszustellen, wenngleich Koch sich dieser nicht bewusst sei. Nur die „richtigen Worte“ können im wissenschaftlichen Zusammenhang Wahrheit produzieren. Auf der anderen Seite steht der Weg, den die Metaphern nach den Anfängen der Bakteriologie nehmen: die Rede von der „Invasion“ des Körpers führt zur Übertragung auf unerwünschte Bevölkerungsgruppen (im deutschen Fall aus dem Osten) und die Gleichsetzung von Krankheit und Kranheitsüberträger schafft den Nährboden für die Rede von Personen als „Bakterien“ und „Parasiten“. Gleichzeitig bekommt die Bakteriologie Schwierigkeiten, mit gesunden Bakterienträgern umzugehen (s. „Typhoid Mary„). So bewegt sich der Nutzen von Metaphern zur Aufklärung auf dem schmalen Grat zur Gefahr der Veklärung. Die „Dialektik der Hygiene“ (Romfeld/Buschlinger) droht im Hintergrund.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                                    P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

 

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